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Weitere Missbrauchsfälle?
06.02.2010 - 20:39 von |F2D|H@fry


Zahlreiche Kirchenmitarbeiter unter Verdacht



Der Skandal am Canisius-Kolleg zieht weitere Kreise, immer mehr Opfer melden sich. Auch bundesweit gerieten in den letzten Jahren rund 100 Kirchenmitarbeiter unter Missbrauchsverdacht.

Die Zahl der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in Deutschland ist größer als bislang angenommen. Der «Spiegel» berichtete am Samstag, eine Umfrage bei allen 27 deutschen Bistümern habe ergeben, dass seit 1995 mindestens 94 Kleriker und Laien unter Missbrauchsverdacht geraten seien. 30 von ihnen wurden in der Vergangenheit juristisch belangt und verurteilt. Viele Fälle waren zum Zeitpunkt ihres Bekanntwerdens jedoch bereits verjährt.

3 Bistümer erteilten keine Auskunft

Aktuell stehen den Angaben zufolge mindestens zehn Kirchendiener unter Missbrauchsverdacht. Von den 27 Bistümern, in denen das Nachrichtenmagazin am vergangenen Dienstag nachgefragt hatte, antworteten 24. Nur die Bistümer Limburg, Regensburg und Dresden-Meißen hätten eine Auskunft zu Missbrauchsfällen verweigert. Man wolle "die aktuelle Diskussion nicht noch befeuern", habe zum Beispiel der Sprecher des Bistums Dresden-Meißen erklärt.

Der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, Jesuitenpater Hans Langendörfer, sagte indes: "Die Enthüllungen zeigen ein dunkles Gesicht der Kirche, das mich erschreckt. Wir wollen das Thema offen angehen."

Bischofskonferenz beschäftigt sich mit Übergriffen

Derweil fordern kritische Katholiken-Gruppen eine Korrektur der bischöflichen Leitlinien, die den Umgang mit sexuellem Missbrauch in der Kirche regeln. So regt Bernd Göhrig, Geschäftsführer der "Kirche von unten", die Einführung unabhängiger Ombudsstellen an. Auf der am 22. Februar beginnenden Tagung der Deutschen Bischofskonferenz wollen sich die Oberhäupter der katholischen Bistümer mit dem kirchenweiten Missbrauchsskandal auseinandersetzen, der in der vergangenen Woche durch die Ereignisse an der Berliner Jesuitenschule Canisius-Kolleg Auftrieb bekam.

"Das Ganze ist wie eine Lawine"

Die Berliner Rechtsanwältin Ursula Raue, die im Fall Canisius ermittelt, sagte der "Berliner Morgenpost", sie bekomme immer mehr Anrufe und E-Mails von ehemaligen Schülern des Elitegymnasiums. "Insgesamt dürften es jetzt um die 30 Opfer sein", erklärte Raue. "Die Zahl steigt von Tag zu Tag, das Ganze ist wie eine Lawine." Es meldeten sich auch viele, die von sexuellem Missbrauch in anderen Institutionen der katholischen Kirche erzählten.

Ehemaliger Lehrer äußert sich

Mit Manfred von Richthofen, dem langjährigen Präsidenten des Deutschen Sportbunds, hat sich jetzt auch ein ehemaliger Lehrer des Canisius-Kollegs geäußert. Viele Patres seien durch ihre kirchliche Ausbildung "ein wenig verklemmt" gewesen, sagte er der Tageszeitung "B.Z." (Samstag). In den 60er Jahren, als er dort arbeitete, habe er aber von Missbrauchsfällen nichts mitbekommen. Eine mögliche "Pestbeule" seien aber die freiwilligen Nachmittags-Aktivitäten der Marianischen Congregation gewesen. "Das war eine abgeschlossene Gruppe, zu denen auch die Patres gehörten, von denen wir jetzt die schlimmen Geschichten hören."
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